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Funino: Der Straßenfußball des 21. Jahrhunderts

Der Ball ist rund, ein Spiel dauert 90 Minuten und gespielt wird auf 2 Tore im 11vs11. Was für alle Fußballromantiker ein ungeschriebenes Gesetz ist wird leider, ohne groß darüber nachzudenken, auf unsere Kleinsten projiziert. Die Stars von morgen sollen nach den gleichen Regeln wie die Erwachsenen spielen. Dabei werden die Voraussetzungen der Kinder komplett ignoriert.

Der Fußballsport schafft bereits bei unseren jüngsten Kickern große Begeisterung. Dem Ball hinterherjagen und Tore schießen, mehr braucht es nicht um in leuchtende Kinderaugen zu blicken. Das größte Problem dabei sind oft die Eltern und ein Spielsystem, welches nicht auf Kinder zugeschnitten ist. Auf der einen Seite Erwachsene, welche ihre Kinder mit überhöhten Erwartungen unter Druck setzen und auf der anderen Seite ein Spielsystem was durch Ausgrenzung und ausbleibenden Erfolgserlebnissen für Frustration sorgt.

Es heißt, glückliche Kinder machen glückliche Eltern. Genau deswegen sollten wir Erwachsenen unser Denken hintenanstellen, denn nur weil im Fernsehen die Fußballprofis im altbewährten 11vs11 spielen, heißt das noch lange nicht, dass dies das Beste für unsere jungen Kicker ist.

Noch immer starten unsere Kleinsten in einer Spielform 7vs7 mit riesigen Toren in Relation zur Körpergröße. Hier muss nun endlich ein Umdenken bei allen Beteiligten stattfinden um eine Revolution der Spielform nachhaltig durchzuführen.

Die kleinsten Vereine können aufgrund der hohen benötigten Spielerzahl schon keine Mannschaft stellen. Falls doch, ähnelt das Spiel einem Bienenschwarm bei dem 10 Spieler dem Ball hinterherrennen. „Zwei“ versauern im Tor und die anderen „Vier“ müssen hinten bleiben und das Tor verteidigen. In der Folge wurde schon so einige Gänseblümchen gepflückt… Ballkontakte? Fehlanzeige! Am Ende gewinnt oft die Mannschaft, bei dem ein Spieler einen früh ausgeprägten Schuss hat, da der Torhüter eine Stehleiter benötigt, um sein Tor überhaupt ansatzweise zu verteidigen.

Es ist Zeit das Kind und seine Individualisierung in den Fokus zu rücken. Hierzu braucht es ein kindergerechtes Spielsystem und ein stufenweises Entwicklungsmodell, von dem durchgehend alle Kinder profitieren.

Quelle: Horst Wein, Spielintelligenz im Fußball kindgemäß trainieren, S. 25

Am Beginn dieses Entwicklungsmodells steht Funino (bestehend aus dem englischen „Fun“ = „Spaß“ und dem spanischen „Niño = „Kind“). Erfunden wurde diese spezielle Art von Fußballtraining von Horst Wein und lässt sich in verschiedenen Formen durchführen. Gespielt wird in der Grundform im 3vs3 auf insgesamt 4 kleine Tore.

Quelle: PowerPoint-Präsentation (bfv.de)

Nach jedem Tor wechselt ein Feldspieler mit einem Rotationsspieler, sodass die Spielzeiten gleichmäßig verteilt werden. Fällt einmal längere Zeit kein Tor so erfolgt die Rotation in festen Zeitabständen. Ausgrenzung ist hier tabu. Zudem fördern Schusszonen eine Spielkultur fernab vom wilden gebolze.
Viele Erfolgserlebnisse in Form von Ballaktionen oder Toren führen zu gesteigertem Spaß der Kinder. Gespielt wird in mehreren kurzen Zeitabständen, somit sinkt die Wahrscheinlichkeit von hohen Niederlagen und zeitgleich steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jeder mal gewinnt.
Durch die Rotation bekommen alle Kinder gleiche Spielanteile, unabhängig vom Ergebnis. Dadurch steigen die Chancen, dass auch Spätentwickler sich schneller verbessern. Denn ein häufiger Irrglaube ist, dass die Kinder, die mit 5;6;7 Jahren schon alles in Grund und Boden spielen, diejenigen sind die, die es in der späteren Laufbahn weit bringen. Doch die Entwicklungspotenziale von jungen Kindern sind so enorm, dass zu diesem Zeitpunkt keine seriöse Prognose über die Entwicklung des Kindes getätigt werden kann & das ist auch gut so, denn in erster Linie sollte der Spaß an vorderster Stelle stehen, die Entwicklung kommt von allein.

Durch die Ausgrenzung (in Form von Nichtnominierung, Auswechselbank, kurze Einsatzzeiten) steigt jedoch das Frustrationsrisiko und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind vorzeitig mit dem Fußballspielen aufhört. Somit sind die Kinder der Leidtragende, obwohl sie dafür gar nichts können und eigentlich nur Fußball spielen wollen.

Quelle: fußballtraining JUNIOR, Ausgabe 5/2016, S. 33

Funino bringt zahlreiche Vorteile mit sich im Vergleich zum ursprünglichen 7 vs. 7.

Durch die geringere Spieleranzahl ist jedes Kind ein Protagonist und Hauptverantwortlich für den Ausgang des Spiels. Dadurch entstehen allein aus der Organisation heraus mehr Ballkontakte, Dribblings & Pässe pro Kind. Durch die Rotation steigt die Spielzeit und aufgrund der 4 Tore die Wahrscheinlichkeit Torchancen herauszuspielen und letztendlich auch die Anzahl der Tore die im Spiel fallen. Beim Funino greifen alle Spieler an und verteidigen gemeinsam, sodass ein Kind alle Positionen ausübt. Somit verbessert sich der Spieler in mehreren fußballerischen Bereichen und es gibt keine (in diesem Alter äußerst negative) Positionsfixierung. Viele Umschaltaktionen fördern die Reaktion und Aufmerksamkeit der Kinder. Aufgrund der Anzahl und Positionierung der vier Tore steigt die Spielintelligenz durch kluge Verlagerungen von einer auf die andere Seite, um mögliche Überzahlen herzustellen. Die hohe Dichte an Ballaktionen fördert daher Technik, Koordination, Ball & Raumgefühl um einen vielfaches schneller als bei der konventionelle Spielform 7 vs. 7. Durch den hohen Aufforderungscharakter der Spielform steigt der Spaß der Kinder enorm, da nun jeder wichtig ist und maßgeblich mitwirken darf.

Auch wenn die Eltern ihre Kinder lieber früh als gleich Fußball im traditionellem 11 vs. 11 sehen wollen, so ist das nicht das was am besten für unsere Talente ist. Kinder brauchen viele Ballaktionen, Spielzeit und Erfolgserlebnisse, um nachhaltig am Ball zu bleiben und sich besser zu entwickeln.

Nur wenn die Spielform überall Anerkennung findet und dauerhaft verwendet wird, kann sich ein andauernder Entwicklungserfolg der jungen Talente einstellen. Ganz ehrlich was ist denn wirklich wichtiger als die Weiterentwicklung der Kicker?

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